Allgemeine Bemerkungen

Zuerst ganz allgemein:
1. Der ausgerufenen Prämisse, wonach fehlende Äußerung zu einem Absatz volle Zustimmung bedeute, widerspreche ich hiermit! -
2. Ich bin enorm erstaunt, wie es immer wieder möglich ist, viele Leute in „offene und breit angelegte Diskussionsprozesse“ zu verwickeln—nach all den politisch weitgehend ignorierten Veranstaltungen dieser Art der letzten Jahre (MUT, Energie2050, … bis zurück zum NUP und der CO2-Kommission). Und doch will ich meinen Gedanken auch dazugeben. Möge es nützen.

Zum Entwurf
3. Der Entwurf ist eine hervorragende Basis, ich hoffe, er wird daraus „die Strategie“ im Sinne einer tatsächlich programmatisch verfolgten Leitlinie der österr. Energie-Forschungspolitik. Die Einbettung im Kontext (insb Kap. 1-4) ist hervorragend. Kap. 8-11 wären es wert, ebenso ausgeweitet zu werden, um die Einbettung weiterzuführen. Schließlich ist die Herausforderung einer „Wissensgesellschaft“ und „Marktgesellschaft“ bedeutsame Bedingung der Forschungsstrategie.

Um ihn zu verbessern würde ich mir träumen:
4. mehr Programmatik und weniger ‚Polit-Jargon’;
5. so glaube ich auch, dass wir das Wort „Erneuerbare Energiequellen“ nutzen sollten, weil es (a) emotionaler ist (b) korrekt ist, nachdem zB Licht oder Wärme reine Energie SIND und sie nicht tragen (wer Bedenken wg 1. Hauptsatz hat, der eröffne ein Forum dazu….)
6. „Good Governance“ ist ein Schlüsselbegriff; das Prinzip ist mE Auftrag für einen konkreten Projektplan „Energieforschung“ (dh detaillierte Ziel- und Ressourcenmatrix, Verantwortlichkeiten mit Zeit-/Milestone-Verbindlichkeiten und entspr. Controlling), der von der gesamten Regierung getragen ist und verlässlich umgesetzt wird,
7. Ich würde eine enge Verzahnung mit einer ebenso programmatischen Energiestrategie erträumen (ja, eh wie wir alle… );
8. mir diese doch noch recht vielen Sowohl-als-auchs und Gleichzeitigs wegwünschen (zu jedem Projekt gehört die lange Liste der großartigen Dinge und Chancen, die leider nicht dazugehören, nicht genutzt werden können),

Wichtigst
9. ich würde mir insgesamt viel wenig techniklastige Forschung und im anwendungsorientierten Feld mehr Demoprojekte, Pilotanlagen wünschen, sowie
10. wesentlich stärkere Ausrichtung auf Erforschung neuer Geschäftsmodelle und Dienstleistungen, denn Markterfolg der neuen Techniken erfordert neue Geschäftsansätze (-- in Ko-evolution mit neuer Regulierung). (… Grenzen des Technologie-Ressort überschreiten, Energieforschung in Wirtschafts-, Sozial- Politikwissenschaften etc)

Fluxus says:

Zu Kurze Zeit für offene Diskussion = geschlossene Diskussion

Dieses gewaltige Werk nur für ein paar Wochen offen zu halten ist starker Tobak.
Ihr habt Euch sicher auch dazu etwas überlegt...

Josef Spitzer says:

Gesamtbeurteilung

Der überwiegend „grünen“ Bewertung der einzelnen Abschnitte des Fragebogens zur Energieforschungsstrategie kann ich mich anschließen. Es wäre auch nicht zu erwarten, dass nach 35 Jahren Energieforschung (der Beginn kann etwa nach der ersten Ölpreiskrise 1974 angesetzt werden) wesentliche Diskrepanzen in der Einschätzung dessen, was ein „neues Energiesystem“ ausmacht, bestehen. Das Verdienst der vorliegenden Energiestrategie besteht darin, dass sie die notwendigen Entwicklungen geschlossen, für die österreichischen Randbedingungen gut begründet und strukturiert darstellt.
Fragen muss man sich hingegen, warum diese Entwicklungen nach eben jenen 35 Jahren immer noch nicht zum „Markterfolg“ geführt haben, bzw. warum die immer wieder geforderte und angekündigte Energiewende nicht stattgefunden hat. Hierzu findet sich in Abschnitt 5 des Fragebogens ein Anhaltspunkt: Als ein wesentliches Ziel der in Ausarbeitung befindlichen österreichischen Energiestrategie wird gefordert, dass „… leistbare Energiedienstleistungen für den Privatkonsum sowie für Unternehmen auch in Zukunft zur Verfügung gestellt werden …“. In den erwähnten 35 Jahren hat sich – neben den Erkenntnissen über die Ausprägung des neuen Energiesystems – auch herausgestellt, dass das neue Energiesystem im Durchschnitt – und auf den kommt es an – erheblich teurer ist, als das zu ersetzende Energiesystem. Solange dies der Fall ist, werden die Verbraucher nicht umsteigen, es wird sich kein Markt entwickeln und die einschlägigen Unternehmen werden nicht in die neuen Systeme investieren. Die heute erkennbaren Erfolge spielen sich vielfach in Nischenanwendungen ab und basieren in vielen Fällen auf persönlich motivierten Investoren, die höhere Energiekosten in Kauf nehmen. Der Kostennachteil des neuen Energiesystems wird sich auch bei erfolgreicher weiterer Forschung nicht entscheidend ändern, es sei denn, das zu ersetzende Energiesystem wird durch fiskalische Maßnahmen verteuert (Investitionsförderungen für das neue Energiesystem sind punktuell sinnvoll aber naturgemäß begrenzt). Der Kostennachteil des neuen Energiesystems muss also von zwei Seiten abgebaut werden, dann würde sich die Industrie stärker an der Finanzierung der notwendigen Entwicklungen beteiligen. Das Ergebnis sind aber jedenfalls höhere Energiekosten für die Konsumenten und die Forderung der Energiestrategie nach „leistbaren“ Energiedienstleistungen kann nur durch den relativen Vorteil des neuen Energiesystems auf einem insgesamt höheren Kostenniveau erfüllt werden.
Die Schlussfolgerung: Energieforschung ist weiterhin notwendig zur Reduzierung der Kosten des neuen Energiesystems, sie muss aber von fiskalischen Maßnahmen zur Verteuerung des zu ersetzenden Energiesystems begleitet werden. Für die Energieforschung liegt eine brauchbare Strategie vor, für die fiskalischen Maßnahmen fehlt eine Strategie.